Der Tag vor dem Abflug – Zwischen Packwahn und Islandträumen

Es begann – wie so viele grosse Abenteuer – mit einer Schere, einem Klebestift und dem verzweifelten Versuch, Island auf sechs A4-Blättern wieder zusammenzupuzzeln. Seit Ende Februar klebt das Resultat, ein windschiefer aber durchaus beeindruckender DIY-Island-Poster, an meinem Kleiderschrank. Und mit ihm klebt auch das Reisefieber – hartnäckig, unbeirrbar und mit Tendenz zur Eskalation.
Seither geistert Island durch meinen Kopf wie ein freilaufendes Schaf auf der Ringstrasse:
- Welches Auto passt zu uns?
- Wie viele Wandersocken sind zu viel?
- Hat die Kamera genug Akkus für dramatische Wolken UND Sonnenstrahlen?
- Wie stopfe ich sieben Strickprojekte in eine faltbare IKEA-Tasche?
- Und kann man eigentlich zu früh anfangen, sich auf einen heißen Kaffee mit Vulkanaussicht zu freuen? (Spoiler: nein.)
Der Islandpulli ist fertig, die To-Do-Liste lebt ein Eigenleben, und irgendwo zwischen Instantkaffee und Ladegerät liegt mein Pass. Hoffentlich.
Die letzten Tage waren geprägt von Pack-Tetris in Level "Hölle", Backup-SD-Karten-Management und der leisen Ahnung, dass Island vermutlich mehr zu bieten hat als nur postkartenreife Wasserfälle – zum Beispiel spannende Wege, überraschende Ausblicke und… na ja, Wetter in allen Facetten. Was genau uns erwartet? Keine Ahnung. Aber genau das ist ja das Schöne dran.
Aber hey – was wäre eine gute Reise ohne ein bisschen Chaos vor dem Start? Genau: langweilig.
Morgen geht’s los. Die Speicherkarte ist leer, die Vorfreude voll – und wenn alles gut läuft, auch bald der Tank. Island, wir kommen. Bereit zum Durchatmen, Staunen, Wandern, Frieren, Lachen, Fotografieren und Geschichten sammeln.
Und falls ihr euch fragt, ob ich aufgeregt bin: Sagen wir’s so – mein Magen hat schon mal mit dem Packen angefangen.
Frühstarterinnen mit Fernweh
03:00 Uhr. Eine Zeit, zu der noch nicht einmal Vögel zwitschern und nur Bäcker:innen den ersten Teig kneten. Wir jedoch? Sind hellwach. Naja, wach. Hell war da noch nichts – weder draussen noch in unseren Augen. Die Nacht war kurz, der Kaffee stark, der Körper trotzdem müde.
Dank unserer wunderbaren Freundin, die sich ebenfalls heldinnenhaft vor dem Morgengrauen aus dem Bett gequält hat, stehen wir pünktlich am Flughafen Zürich. Gepäck? Check. Vorfreude? Riesig. Nerven? Angespannt.
Der erste Flug verläuft ruhig – zumindest vom Cockpit aus betrachtet. Ich hingegen finde: Der Himmel ist kein Ort zum Entspannen. Die Startangst war real, der Schlaf blieb aus, die Anspannung ein treuer Begleiter. Und doch: Alles gut gegangen. Zwischenlandung in Keflavík, ein kurzer nordischer Luftwechsel, dann nochmal abheben gen Akureyri.

Und da steht sie: unsere Reisegefährtin.
Suzuki Jimny. Klein. Quadratisch. Kurvenwillig. Wir nennen sie „die kleine Dame“ – und lieben sie schon jetzt. Trotz begrenztem Kofferraum schafft sie es, all unsere Taschen und Träume unterzubringen. Ein Hoch auf Minimalismus und geschicktes Stapeln!
Erste Mission: Einkauf.
Island wäre nicht Island, wenn wir nicht sofort mit Windböen und frischen 11 Grad empfangen worden wären – Jacken und Pullover? Natürlich ganz unten im Koffer. Aber hey: Wer friert, ist noch nicht angekommen. Eine warme Suppe und ein Kaffee im Zentrum von Akureyri später sieht die Welt schon gemütlicher aus.

Unser erstes Zuhause auf Zeit? Ein Häuschen mit grandioser Aussicht, irgendwo zwischen Fjordträumen und Wolkenpoesie. Während draussen der Wind Geschichten erzählt, kochen wir Pasta mit Lauch und Thon – vertraut, einfach, wohlig. Der Geruch? Nach Ankommen. Nach Geborgenheit.
Jetzt sitzen wir da. Mit vollem Bauch, müden Augen und einem Herzen, das langsam realisiert:
Wir sind wirklich hier. In Island. Und es beginnt.
Wenn der Wind das Lenkrad dreht – Islands wilde Nordostküste
Island, Tag zwei. Oder eigentlich: Tag zwei-einhalb – je nachdem, ob man den halben Tag Schlafmangel vom Flug mitzählt. Jedenfalls: Wir sind unterwegs, diesmal von der Nähe Akureyri Richtung Póshöfn. Das Wetter? Laut Vorhersage bewölkt. In echt: Sonne! Zumindest bis Mittag. Danach meldet sich der Wind. Und wie! Unser tapferer Suzuki Jimny schlägt sich zwar wacker, aber das Lenkrad steht plötzlich eher auf zwei oder zehn Uhr – auf einer völlig geraden Straße. Island sagt: Willkommen!

Die Küstenstrasse: spektakulär. Wilde Wellen, schroffe Felsen, einsame Buchten – fast wie gemalt. Am späteren Nachmittag erreichen wir unser Domizil für die nächsten Tage. Nennen wir es... *kompakt*. Winzig trifft es ganz gut. Ein bisschen wie eine Hütte für zwei, die sich sehr mögen. Und doch nicht: zwei Betten, leider getrennt. Ach Island, du Romantikerin.
Immerhin: Farm-Feeling pur. Und dazu gehörten auch zwei ganz besondere Hofbewohner – die Treibhunde.
Täglich kamen sie vorbei, warfen einen prüfenden Blick durchs Fenster, ob wir noch leben, und schauten dann, ob es sich lohnt, für ein Nickerchen auf der Terrasse zu bleiben.
An einem Abend machte ich einen kleinen Spaziergang – frische Luft schnappen, dem Kopf ein bisschen Weite gönnen. Doch kaum war ich unterwegs, hatte ich plötzlich zwei fellige Bodyguards im Schlepptau. Die Treibhunde begleiteten mich wie zwei perfekt eingespielte Profis. Und offenbar hielten sie mich für ein leicht verirrt herumschlenderndes Herdenmitglied, das sicherheitshalber besser wieder heimgebracht wird. Also eskortierten sie mich schweigend, aber sehr bestimmt zurück zur Hütte. Auftrag erfüllt. Mensch gesichert. Ganz selbstverständlich – Island halt.

In der Nacht dann ein Wetterwechsel mit voller Wucht: Regen, Sturm, heulender Wind. Die kleine Hütte wackelt und das Bett vibriert wie in einem schlechten Motel-Film – nur ohne Münzeinwurf. Abenteuerlich? Ja. Entspannend? Geht so.
Der nächste Morgen: grau in grau. Nebel zieht auf, der Wind bleibt, und der Nieselregen macht’s komplett. Wir hocken im Islandpulli (handgestrickt, versteht sich) in der Hütte. Drinnen wärmer als draussen, aber das ist auch schon alles.
Ein kleiner Ausflug nach Bakkafjörður bringt zumindest einen vollen Tank. Ansonsten: trostlos leer, der alte Hafen versinkt im Nebel und selbst die Möwen scheinen depressiv. Island kann eben auch Melancholie – und das ziemlich gut.
Zurück in der Hütte dann ein kleines Stimmungstief. Ein Tiefdruckgebiet nicht nur vor der Tür, sondern auch ein bisschen im Herzen. Aber hey – wir kennen Island. Und wir wissen: Hinter jedem Nebel lauert ein Sonnenstrahl. Irgendwo.
Also machen wir das Beste draus. Wir lesen, trinken Tee und Filterkaffee, fantasieren wie schön und wild romantisch es hier sein könnte, wenn der Nebel sich verziehen würde und hören dem Regen beim Trommeln zu. Es ist erst der zweite Tag. Noch ist alles möglich. Und manchmal beginnen die schönsten Reisen genau dort, wo der Plan aufhört – und der Islandpulli beginnt.
Seite
123
Kommentare
Ich freue mich über eure Gedanken – gerne reinschreiben!