Zwischen Husten und Horizont

Egilsstaðir, Puffins und die Flucht vor dem Touristenwahnsinn

Fardagafoss – der letzte Lichtblick

Flügelschlag

Es ging wieder aufwärts. Zumindest fühlte es sich so an. Also schnürten wir die Schuhe, schnappten die Kamera – und machten einen kurzen Abstecher zum Fardagafoss. Nur ein kleiner Wasserfall, sagen die Reiseführer. Aber wir fanden: ein ziemlich lohnenswerter. Der Weg dorthin war schmal, stellenweise etwas ruppig, aber menschenleer – genau unser Ding. Wind in den Haaren, Gischt auf der Haut, und ein Dröhnen, das sich irgendwo zwischen Felsen und Brustkorb ausbreitete. Wir fotografierten lange, liessen uns Zeit – ganz ohne Eile. Ein ruhiger, starker Ort. Kein grosser Moment vielleicht, aber einer, der bleibt. Vielleicht war es auch der erste Moment seit Tagen, in dem wir nicht an Krankheit dachten. Nicht an Tabletten, nicht an Taschentücher. Nur an Licht. Wasser. Und dass wir noch da waren. Dann ging’s weiter – die Straße 94 entlang, Richtung Küste, Richtung Borgarfjörður eystri. Der Himmel grau, die Sicht diffus, der Regen fein und stetig. Und trotzdem: wir wollten nochmal ans Meer. Ein Stück raus. Küstenluft tanken.

Der Blick zurück

Papageientaucher? Ja, die waren da. Dicht gedrängt auf den Felsen, flatternd, fotogen. Man konnte sie kaum nicht fotografieren. Aber drumherum: Menschen. Busladungen voll. Selfie-Arme, Stimmengewirr, Gedränge – es war alles da, wovor wir flüchten wollten. Wir versuchten es mit Humor. Mit Abstand. Mit innerlichem Kopfschütteln. Aber es blieb ein Ort, der sich falsch voll anfühlte. Der Ort selbst: eigentlich charmant. Und hinter dem Ort – eine kleine F-Straße, die sich verlockend ins Hinterland schlängelte. Dort wollten wir nochmal hin. Weiter. Weg von den Massen, hinein ins Weite. Doch dazu kam es nicht.


Krank. Nochmal.

Der Rückschlag traf uns leise. Kein Fieber, kein Drama.
Nur dieses langsame Absinken.
Erst der Husten, dann die Müdigkeit.
Und irgendwann: die Erkenntnis, dass es wieder passiert war.
Die nächsten Tage verschwammen zwischen Tee und Tabletten.
Zwischen Schniefen und Schweigen. Zwischen Hustensaft und Hoffnung, dass es bald besser wird.
Und mittendrin: ein Haus, das keine Hilfe war.
Schmutzig, kalt, irgendwie trostlos.
Vielleicht wären wir in einer gemütlicheren Unterkunft milder gestimmt gewesen.
So wurde es zu einer Art Quarantäne mit Fernblick.
Unser einziger sozialer Kontakt: die Apotheke von Egilsstaðir.
Und da waren wir so oft, dass wir das Gefühl hatten, zur Belegschaft zu gehören.
Irgendwann kannten wir die Regale auswendig.


Pizza rettet den Tag

An einem der besseren Abende dann der Rettungsanker: Pizza.
Käserand? Nein. Dünner Boden? Auch nicht.
Aber etwas daran war richtig.
Vielleicht war’s das warme Fett. Vielleicht die Tomatensauce.
Oder einfach das Gefühl, mal nicht kochen zu müssen.
Sie tat gut. Punkt.
Das war kein kulinarisches Highlight. Aber es war unser Pizza-Moment. Und der zählt.


Raus aus dem Krankenzimmer, rein ins Weite

Felsflüstern

Als die Kräfte langsam zurückkehrten, packten wir zusammen. Es wurde Zeit. Ein letzter Blick zurück auf Egilsstaðir – keine Träne, kein Bedauern. Nur Vorfreude auf etwas Neues. Wir steuerten ins Hinterland – eine stille, karge Welt. Steine, Wind, Wolken. Und irgendwie: Frieden. Dann der Übergang nach Süden: der Öxi-Pass. Wir hatten uns auf eine wilde, raue Fahrt eingestellt – aber nicht auf das: Touristenbusse, die über die schlaglochgepflasterte Piste brettern. Menschenmengen, die sich auf das empfindliche Moos ergiessen. Eine Kulisse wie aus einem Nationalpark – nur ohne Parkranger. Es war laut, chaotisch, und irgendwie traurig. Wir hielten kurz. Versuchten, Schönheit zu finden. Aber es gelang uns nicht so richtig. Also weiter.


Djúpivogur – unser kleines Paradies

Kleines Paradies

Und dann, fast unerwartet: Ruhe. Unser neues Zuhause – klein, aber luxuriös. Nicht im Sinne von Marmorbad und Minibar, sondern: sauber, durchdacht, mit Blick ins Weite. Ein Ort, an dem man nicht nur schläft – sondern aufatmet. Weiche Bettdecken, eine richtige Dusche, eine Küche, in der alles funktionierte. Und Stille. Endlich Stille. Nach Tagen zwischen Husten, Hitze und Hüstelhölle war das hier genau das, was wir brauchten. Wir setzten uns ans Fenster, schauten ins Dämmerlicht und dachten: Ja. Jetzt. Jetzt beginnt die Reise wieder.


Seite 123


Kommentare

Ich freue mich über eure Gedanken – gerne reinschreiben!